Im JAMA ist im März ein „Research Letter“ erschienen, in dem die Zuwendungen (Geld und geldwerte Leistungen) der Industrie an Ärztinnen und Ärzte in den USA in den Jahren 2013-2022 untersucht wird [1]. Die Informationen wurden aus der „Open Payments Platform“ extrahiert (vgl. [2]).
Insgesamt wurden > 85 Mio. Transaktionen im Gesamtwert von 12,1 Mrd. US$ identifiziert. Pro Jahr wurden etwa 1,3 Mrd. US$ bezahlt. Die deklarierten Zahlungszwecke waren Beratungsleistungen, Vortragshonorare, Speisen und Getränke, Reisen und Unterkunft, Unterhaltung, Bildung, Geschenke, Zuschüsse und Spenden für wohltätige Zwecke. 93,8% der Zuwendungen standen im Zusammenhang mit der Vermarktung eines Arzneimittels oder Medizinprodukts.
Empfänger waren 826.313 Ärztinnen und Ärzte; das entspricht 57% aller zum Untersuchungszeitpunkt in den USA tätigen. Der individuelle Gegenwert variierte stark, sowohl zwischen den Fachgebieten, als auch zwischen den Ärzten innerhalb eines Fachgebiets. Die Mehrzahl erhielt nur kleinere Zuwendungen, im Wert < 100 US$. Eine Minderheit (0,1%) erhielt etwa ein Sechstel aller Zuwendungen, im Gegenwert von fast 2 Mio US$ pro Person und 10 Jahre.
Die fünf Fachrichtungen, in denen am meisten Geld floss, waren Orthopädie, Neurologie/Psychiatrie, Kardiologie, Hämatologie/Onkologie und Allgemeine Innere Medizin. Die Fachrichtungen mit den geringsten Zuwendungen waren Kinder- und Unfallchirurgie.
Das obere Tausendstel der Orthopäden erhielt über 10 Jahre durchschnittlich 4,8 Mio. US$ von der Industrie. Weitere Top-Empfänger mit > 3 Mio. US$ kamen aus der Kardiologie, Hämatologie/Onkologie, Endokrinologie, Augenheilkunde, Rheumatologie und Dermatologie.
Medikamente, deren Vermarktung die meisten Zahlungen an Ärzte betraf, waren direkte orale Antikoagulanzien (Xarelto®, Eliquis®), SGLT2-Hemmer (Invokana®, Jardiance®, Forxiga®) und mehrere Antikörper (Humira®, Dupixent®, Keytruda®). Medizinprodukte, deren Vermarktung mit den meisten Zahlungen an Ärzte einhergingen, waren zwei Operationssysteme der Roboter-Technik (Da-Vinci® und Mako SmartRobotics®), sowie kardiale (CoreValve Evolut®, Impella®, Sapien®) und Brustimplantate (Natrelle® Implants).
Diskussion: Die Zahlen aus den USA zeigen, dass – immerhin – 4 von 10 Ärztinnen und Ärzten keine Zuwendungen von der Industrie annehmen und die Mehrzahl der übrigen nur sporadisch und mit geringem Gegenwert.
Ein kleiner Teil der Ärzte – aus bestimmten Fachdisziplinen – akzeptiert jedoch größere und wohl auch sehr regelmäßig solche Zuwendungen. Man könnte von industrienahen Ärzten sprechen oder, kritischer, von einer korrumpierbaren Berufsgruppe. Diese wenigen schädigen den Ruf aller und sollten daher benannt und auch sanktioniert werden. Denkbar wäre eine Deckelung derartiger Einnahmen durch die Standesvertretungen und ein Ausschluss als Vortragende bei zertifizierten Fortbildungen.
Gleiche Analysen sind für europäische Länder nicht möglich, da hier die Zuwendungen von pharmazeutischen Unternehmern (pU) an Ärztinnen und Ärzte nur „freiwillig“ und überwiegend anonymisiert deklariert werden, keine Gesamtaufstellung durch die Branche vorgelegt wird und die Hersteller von Medizinprodukten nach wie vor die Zahlungen nicht offenlegen (vgl. [3]).
Nach einer Stichprobe deklariert der pU, der eines der o.g. Antikoagulanzien vertreibt, für das Kalenderjahr 2022 rund 2.900 Zahlungen an Ärztinnen und Ärzte in Deutschland im Gegenwert von 3,67 Mio. € (Mittelwert 1.265 €). Nur 19% dieser „Zuwendungen“ werden ad personam deklariert. Der Wert dieser Zuwendungen liegt zwischen 12.000 und 14.700 €. Acht von 10 Ärztinnen und Ärzten stimmten der Veröffentlichung ihrer Namen nicht zu. Diese erhielten von diesem pU insgesamt Zuwendungen im Gegenwert von 2,74 Mio. € (Mittelwert 1.168 €), meist für sog. Dienstleistungs- und Beratungshonorare (1,9 Mio. €). Die Spitzenhonorare werden in der summarischen Auflistung nicht genannt, und eine unabhängige Überprüfung der Zahlen kann nicht stattfinden. Bei den Herstellern von Operationsrobotern oder Herzklappen konnten wir überhaupt keine entsprechenden Angaben finden, weder auf deren Webseiten noch in den Geschäftsberichten.
Fazit
Nach einer aktuellen Analyse aus den USA nehmen 6 von 10 Ärztinnen und Ärzten Geld und geldwerte Leistungen von der pharmazeutischen Industrie an. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um kleinere Beträge. Eine kleine Minderheit (0,1%) erhält etwa ein Sechstel aller dieser Zuwendungen im Gegenwert von knapp 2 Mio. US$ pro Person und 10 Jahre. Die Fachdisziplinen, in denen in den vergangenen 10 Jahren am meisten Geld floss, waren Orthopädie, Neurologie/Psychiatrie, Kardiologie, Hämatologie/Onkologie und Allgemeine Innere Medizin. Die Zahlungen waren verknüpft mit dem Marketing für neue Medikamente und Technologien. Die Unsitte des Gebens und Nehmens in Europa ist weiterhin intransparent, besonders im Bereich der Medizingeräte-Industrie.
Literatur
- Sayed, A., et al.: JAMA 2024. Published online March 28, 2024. (Link zur Quelle)
- AMB 2022, 56, 96DB01. AMB 2014, 48, 88DB01. (Link zur Quelle)
- AMB 2019, 53, 96DB01. (Link zur Quelle)