Die letzten Jahre waren finanziell sehr lukrative für die großen, global agierenden pharmazeutischen Unternehmer (pU). Nach einer Analyse von Macrotrends, einer Organisation, die für Investoren verschiedene Wirtschaftszweige an der Börse bewertet, haben die Top 15 der pU* im Jahr 2022 weltweit Umsätze von > 700 Mrd. US-$ getätigt und mit 146 Mrd. US-$ den höchsten Gewinn aller Zeiten eingestrichen. Bereits 2021 waren die Gewinne der Top 15 pU mit 134 Mrd. US-$ bemerkenswert hoch. In den 10 Jahren zuvor bewegten sich die Gewinne zwischen 60 und 100 Mrd. US-$ [1]. Ein Zusammenhang mit der Corona-Pandemie liegt nahe.
Branchenprimus war im Jahr 2022 Pfizer mit einem Umsatz von 100 Mrd. US-$ und einem Gewinn von 31 Mrd. US-$. Damit lag Pfizer noch vor dem weltgrößten Autohersteller Volkswagen (2022: 22,5 Mrd. € Gewinn; [2]). Unter den 75 wertvollsten, börsennotierten Unternehmen der Welt finden sich derzeit 10 Pharmafirmen [3]. Es geht diesem Teil der Pharmabranche, der auch als „Big Pharma“ bezeichnet wird und seine Umsätze mit teuren, patentgeschützten Arzneistoffen macht, also zumindest aus Sicht der Börsenanalysten besser denn je.
Zugleich beobachten und kritisieren Verbraucherschützer in den USA bei den großen pU eine zunehmende Verletzung von Vorschriften und Sicherheitsstandards sowie eine Zunahme bei unlauterem Geschäftsgebaren und unerlaubtem Marketing. Nach Analysen von „Consumer Shield“ und „Good Jobs First“, zwei „Non-Profit“-Verbraucherschutz-Organisationen müssen die pU in den USA immer häufiger Strafzahlungen leisten [1], [4]. Seit Beginn ihrer Aufzeichnung im Jahre 2010, wurden gegen die Top 15 pU in > 500 Fällen Strafen in Höhe von insgesamt 80 Mrd. US-$ verhängt [4]. Allein in den letzten 4 Jahren (2020-2023) beliefen sich diese Strafzahlungen auf insgesamt 42,6 Mrd. US-$.
Diese Strafen wurden verhängt vom Justizministerium, von Generalstaatsanwälten, Zivilgerichten und verschiedenen Behörden, weil die pU gegen Arbeits- und Umweltschutzauflagen verstoßen haben oder betrügerisch mit öffentlichen Geldern umgegangen sind (Verstoß gegen den sog. „False Claims Act“; vgl. [5]), weil ihnen Preisabsprachen oder Hintergehen von Preisregulierungsmaßnahmen nachgewiesen wurden oder weil sie in unzulässiger Weise Werbung für ihre Produkte gemacht haben.
Spitzenreiter bei den Strafzahlungen war – mit großem Abstand – der pU Johnson & Johnson. Dieser musste wegen 45 Verstößen Strafen in Höhe von 24,5 Mrd. US-$ leisten, davon allein 18 Mrd. US-$ für verlorene Zivilklagen wegen seiner Rolle in der US-amerikanischen „Opioidkrise“ und Asbestrückständen in einem Babypuder. Es folgen bei den Strafen die pU Teva (8,5 Mrd. US-$), AbbVie (7,1 Mrd. US-$), GSK (5,6 Mrd. US-$) und Pfizer (3,2 Mrd. US-$).
Ein Sonderfall ist Purdue Pharma. Dieser pU umging 2019 im Zusammenhang mit > 1.000 Klagen wegen seiner Verantwortung für die Opioidkrise eine hohe Strafe, indem er einem Vergleich und einer Zahlung von 8,3 Mrd. US-$ zustimmte und hiernach in Konkurs ging. Die Gelder aus diesem Vergleich sollen für die Bekämpfung der Folgen der Opioidkrise verwendet werden. Purdue wurde 2021 unter dem Namen Knoa Pharma neu gegründet. An diesem Unternehmen ist die Purdue-Eigentümerfamilie Sackler nicht mehr beteiligt. Knoa soll als „Non-Profit“-Unternehmen u.a. Medikamente zur Behandlung der Opioidabhängigkeit entwickeln sowie vertreiben und außerdem Patienten, die auf die Medikamente von Purdue angewiesen sind, weiterhin mit diesen versorgen.
Ein Grund für die Zunahme der Strafzahlungen ist auch darin zu sehen, dass Organisationen wie „Consumer Shield“ geschädigte Bürger dabei unterstützen, gegen die großen Firmen vorzugehen. Sie bieten den Geschädigten Rechtsberatung an und organisieren Sammelklagen. Die Organisation finanziert sich u.a. über Spenden, Stiftungsgelder und Einnahmen aus gewonnenen Klagefällen.
In einem Essay vom Oktober 2023 zu den Themen explodierende Gewinne und explodierende Strafzahlungen weist Consumer Shield auch darauf hin, dass viele pU immer mehr für Marketing ausgeben (z.B. AbbVie, Teva, Pfizer und GSK > 2 Mrd. US-$ pro Jahr) und immer weniger für Forschung und Entwicklung. Es sei in der Branche eine besorgniserregende Verschiebung der Prioritäten zu beobachten: weg von Produktinnovation und Verbrauchersicherheit hin zu unverhältnismäßigen Gewinnen.
Die Verbraucherschützer fordern eine Reform der Pharmabranche. Es seien einerseits bessere Industriestandards erforderlich, d.h. solche, die auf ethische Geschäftspraktiken und Sicherheit der Verbraucher fokussieren. Andererseits sollten die „Konsumenten“ – also Patienten, Ärzte, Apotheker – wachsamer gegenüber unethischen Geschäftspraktiken sein und bessere Standards für die Branche einfordern.
*Pfizer, GlaxoSmithKline, Johnson & Johnson, Merck, AbbVie, Sanofi, Novartis, Abbott Laboratories, Amgen, Bristol-Myers Squibb, Eli Lilly, AstraZeneca, Biogen, Viatris, Takeda Pharmaceutical